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Werke von Karl May

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Gerechte Strafe 

»Das ist es, was ich meine,« nickte der Häuptling der Apachen.
 
»Aber wir dürfen sie nicht mitbringen; sie dürfen nicht mit uns kommen!«
 
»Nein.«
 
»Sondern sie müssen schon vorher am Platze sein, ohne aber von den Nijoras gesehen zu werden.«
 
»Mein weißer Bruder hat ganz meine Gedanken.«
 
»Es ist sehr leicht zu erraten, was mein roter Bruder meint. Die Nijoras zählen dreihundert Krieger, während wir sechshundert haben. Es genügt, wenn wir ihnen fünfhundert in den Rücken schicken; die übrigen hundert müssen hier vom hohen Ufer hinab zum Flusse steigen und sich da unten abwärts schleichen, bis sie in die Nähe der Mündung des Winterwassers gekommen sind. Dort verbergen sie sich im Gesträuch und warten, bis wir kommen. Sobald wir anlangen und die Nijoras sich auf uns werfen wollen, treten diese hundert Krieger aus ihrem Verstecke hervor und gesellen sich uns zu. Das wird die beabsichtigte Wirkung haben, denn die Feinde werden stutzen, und dadurch bekommt unser Hinterhalt von fünfhundert Mann Zeit, ihnen in den Rücken zu kommen.«
 
»So ist es. Ich stimme ganz den Worten Old Shatterhands bei. Nitsas-  Ini, der tapfere Häuptling der Navajos, mag die Hundert von seinen Kriegern auswählen, damit sie sich jetzt entfernen, um die Mündung des Winterwassers heimlich zu erreichen. Dann reiten die Fünfhundert auch fort, und sobald wir annehmen können, daß sie sich in ihrem Hinterhalte befinden, brechen wir auch von hier auf.«
 
So geschah es. Es wurden hundert Navajos abgezählt, welche in das Ufergebüsch eindrangen, um zum Flusse hinabzusteigen. Dabei konnten sie natürlich ihre Pferde nicht mitnehmen; diese mußten vielmehr von den andern mitgeführt werden. Als sie fort waren, machten sich auch die Fünfhundert auf den Weg.
 
Als auf diese Weise die Navajos alle fort waren, erklärte Old Shatterhand den deutschen Auswanderern den Plan noch einmal in ihrer Muttersprache, weil vorhin englisch gesprochen worden war. Er bat sie, keine Sorge zu haben, da alles gutgehen werde, und ermahnte sie dringend, ja recht vorsichtig zu sein und nichts zu thun, was das Gelingen des Planes in Frage stellen könne. Da sagte Frau Rosalie zu ihm:
 
»Wir andern werden ganz gewiß keenen Fehler machen; aber ich weeß eenen, der sich fest vorgenommen hat, eene große Dummheet zu begehen.«
 
»Wer ist das?«
 
»Wer das is? Da fragen Sie ooch noch darnach? Wenn von Dummheeten die Rede is, so können Sie es sich doch gleich denken, wen ich meene, den Kantor natürlich. Er hat mich zu derselben Dummheit überreden wollen; er will nämlich, wenn wir nach dem Winterwasser kommen, links abschwenken.«
 
»Alle Donner! Das könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen! Das ist wirklich sein Plan?«
 
»Eben hat er es mir gesagt. Ich habe ihn gewarnt; aber er schnauzte mich grob an und meinte, es hätte ihm keen Mensch was zu befehlen. Er is ganz des Teufels droff, seinen Willen durchzusetzen.«
 
»Das müssen wir uns doch sehr streng verbitten! Ist das wahr, was Frau Ebersbach jetzt von Ihnen gesagt hat?«
 
Diese Frage war an den Kantor gerichtet.
 
»Ja,« antwortete er, da er es doch nicht leugnen konnte.
 
»Sie wollen also, ohne mich zu fragen, eine andre Richtung einschlagen?«
 
»Ja.«
 
»Weshalb?«
 
Der Kantor schwieg.
 
»Reden Sie!«
 
Diese Aufforderung war im allerstrengsten Tone gesprochen. Der Kantor ärgerte sich darüber und antwortete wieder nicht. Da fuhr ihn Old Shatterhand zornig an:
 
»Wenn Sie nicht reden wollen, werde ich ihnen den Mund öffnen. Es handelt sich hier um unser Leben. Also, was ist der Grund Ihrer Absicht?«
 
»Meine Oper,« stieß der Gefragte hervor.
 
»Ihre Oper! Wir sollen also abermals nur Ihres verrückten Hirngespinstes wegen in Gefahr gebracht werden! Inwiefern ist denn diese berühmte Oper der Grund zu dem, was Sie thun wollen?«
 
Wieder wollte der Kantor nicht mit der Sprache heraus. Da legte sich der Hobble-  Frank ins Mittel, indem er sagte:
 
»Ich weeß es, was für eene vorhandene Absicht im Grund-   und Hypothekenbuche seines Vorhabens verzeichnet is.«
 
»Nun, welche?«
 
»Ich habe vorhin mit ihm geschprochen und ziehe aus dem, was er gesagt hat, die Divisionsklausel, daß er für seine Oper eene Kampfesscene braucht.«
 
»Ah so! Und da will er gerade das herbeiführen, was wir vermeiden wollen?«
 
»So is es. Er will nach links, damit die Nijoras unsern Hinterhalt sehen sollen.«
 
»Sollte man so etwas für möglich halten! Das ist nicht eine Verrücktheit, sondern gradezu ein Verbrechen! Was thut man nur mit einem solchen Manne? Wollen Sie mir sofort versprechen, von Ihrem Vorhaben abzuweichen, Sie unbegreifliches Menschenkind!«
 
Der Kantor brauchte nur mit ja zu antworten, so war alles gut. Aber er hatte zu Frau Rosalie behauptet, daß er seinen Willen durchsetzen werde, und wollte sich nun ihr gegenüber nicht blamieren. Darum beantwortete er die Aufforderung Old Shatterhands wieder mit einem Schweigen. Dieser fuhr also in erhobenem Tone fort:
 
»Ich frage Sie, ob Sie mir jetzt versprechen wollen, Ihre Absicht aufzugeben!«
 
Abermals keine Antwort.
 
»Gut!« meinte Old Shatterhand. »So werde ich dafür sorgen, daß Sie uns nicht schaden können. Sie dürfen nicht mit; Sie bleiben hier an dieser Stelle.«
 
Das empörte den Zukunftskomponisten außerordentlich.
 
 
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