|
| Werke von Karl May |
|
|
| Der Schatz im Silbersee |
|
|
| Das Vermächtnis der Inkas |
|
|
| Der Ölprinz |
|
|
| Der schwarze Mustang |
|
|
|
|
|
| |
Eine Urwaldschlacht
"Sei kein Thor und schwätze nicht solchen Unsinn!" sagte Morgenstern, indem er ganz entzückt einen Knochen nach dem andern aufnahm, um ihn zu betrachten und zu betasten. "Hier öffnet sich ein großartiger Blick auf die Entwickelungsstufen der bis jetzt bestandenen und noch bestehenden Daseinsformen. Schau einmal diesen Schädelteil! Ich wette, es ist das Os occipitis eines Megatheriums. Wir werden alle diese Knochen einpacken und mitnehmen, damit ich sie, wenn wir am ›klaren Bache‹ angekommen sind, noch heute untersuchen und bestimmen kann. Lieber Freund, hat man diese Knochen hier an dieser Stelle gefunden oder sind sie von einem andern Orte hergeschafft worden?"
Diese Frage war an den Indianer gerichtet, welcher aber nicht mehr zu sehen war; dafür hörte man seine rufende Stimme.
"Er will uns bei sich haben. Kommen Sie!" meinte Fritze.
"Nein, noch nicht," antwortete sein Herr. "Ich habe hier noch nicht alles gesehen."
"So werde ik mal zu ihm jehen, um zu sehen, wat er zu rufen hat. Verstehen kann man ihm ja nicht."
Er entfernte sich in der Richtung, aus welcher die Rufe des Camba zu hören waren. Der Doktor sah sich gar nicht nach ihm um. Er war mit seinen Schätzen so beschäftigt, daß er für gar nichts andres Augen hatte. Er wühlte in den Ueberresten und sortierte herüber und hinüber, bis er hinter sich die Stimme Fritzens hörte:
"Lassen Sie die Knöchelchens hier liejen! Da drüben jibt's eine janz andre Sorte. Dat sind die richtigen Eisbeine mit Meerrettich und Sauerkohl. Da habe ik eine Probe mitjebracht; schauen Sie sich die mal an!"
Als Morgenstern zu ihm aufblickte, sah er in seinen Händen ein wirklich riesiges und sehr gut erhaltenes Schenkelbein. Er sprang mit einem Jubelrufe auf, riß es an sich, betrachtete es mit weit geöffneten Augen erst sprachlos und schrie dann entzückt:
"Fritze, weißt du, was das ist? Weißt du es?"
"Ja; natürlich ist mich dieser Jegenstand bewußt. Wenn ik mir nicht irre, wird's wohl ein Knochen sind."
"Du bist ein Idiot, ein reiner Idiot! Nur immer von Knochen und wieder von Knochen zu sprechen! Ja, es ist ein Knochen, aber was für einer! Denke dir, Fritze, wir haben hier das Os femoris von einem Glyptodon vor uns! Welch eine Entdeckung! Dieses eine Bein ist allerdings viel, viel wertvoller als alle Knochen, welche hier beisammenliegen."
"So? Dann will ik jratulieren, denn da drüben jibt's noch mehrere solche Beine."
"Wirklich? Wo, wo?"
"Da drüben, wo ik eben war."
Fritze deutete mit der Hand in die Richtung, welche er meinte; sein Herr eilte in derselben fort, indem er sagte:
"Da muß ich hin, sogleich, augenblicklich!"
"Halt!" rief ihm der Stralauer nach. "Nicht jerade aus; Sie müssen nach links umbiegen I"
Aber der kleine, begeisterte Mann wollte keine Sekunde verlieren, sondern möglichst schnell an Ort und Stelle gelangen; darum drang er in gerader Richtung in das dichte Schilf ein. Einige Augenblicke später gab es ein nicht mißzuverstehendes Geräusch, und dann hörte man den Kleinen um Hilfe rufen. Auch Fritze war zurückgegangen, aber auf dem sichern Wege; er sah den Indianer jenseits stehen und eifrig abwinken; darauf erscholl der Hilferuf. Der treue Diener dachte nicht an die eigene Gefahr, sondern drang schnell in das Schilf ein. Als er fünf oder sechs Schritte zurückgelegt hatte, bot sich ihm ein Anblick, welcher ihn hätte vor Schreck erstarren lassen können. Das Wasser hatte eine schmale Bucht eingefressen, welche durch Rohr, Schilf und Binsen so verdeckt worden war, daß Morgenstern sie nicht bemerkt hatte. Er war hineingestürzt und steckte nun bis an den Hals im Wasser und im Schlamme. Das war nicht schlimm; gefährlicher, viel gefährlicher war ein andrer Umstand. Nämlich es arbeitete sich, von dem Geräusch des Falles herbeigerufen, ein Krokodil in die Bucht, welche glücklicherweise nur einem schmalen Graben zu vergleichen war. Dieser Mangel an der nötigen Breite hatte zur Folge, daß das Tier sich seiner Beute nur langsam nähern konnte; doch arbeitete und schob es sich mit gefräßigem Eifer weiter und weiter heran, so daß es, als Fritze kam, mit der Spitze seines Rachens nur noch drei Fuß von Morgenstern entfernt war. Dieser arbeitete zwar auch, wobei er immerfort schrie, mit den Armen und den Beinen, um der schrecklichen Gefahr zu entgehen, sank aber desto tiefer in den Schlamm ein, welcher ihn nicht loslassen wollte. Fritze verlor keinen Augenblick die Geistesgegenwart. Er hatte zum Glück sein Gewehr umhängen, während Morgenstern das seinige bei den Pferden gelassen hatte; er riß es vor, brach sich schnell bis zur Unglücksstätte Bahn, hielt die Mündung der Bestie gerade vor das Auge und drückte ab. Der Schuß krachte, das Tier schnellte vorn empor, kam um einen Fuß weiter vorwärts und blieb dann aber liegen. Fritze gab ihm auch noch den Inhalt des zweiten Laufes in das ausgeschossene Auge und rief dann, indem er tief aufatmete, aus:
"Jelungen, vollständig jelungen! Dat war jerade noch der letzte Augenblick vons vierte Rejiment! Der Walfisch sitzt fest; nun wollen wir den Jonas herausangeln. Fassen Sie mein Jewehr, und jreifen Sie fest zu! Ik ziehe Ihnen aus dat Stillverjnügen heraus."
Morgenstern hielt den ihm zugereichten Kolben des Gewehres krampfhaft fest, und Fritze zog aus allen Kräften an dem Laufe; aber der tückische Schlamm wollte sein Opfer nicht so schnell hergeben. Da kam der Indianer und half mit. Den vereinigten Kräften gelang es nun, den verunglückten Gelehrten zu befreien.
Aber wie sah er aus, als er nun triefend und duftend vor Fritze stand! Dieser, immer resolut, nahm ihm den vorher so schön roten Poncho von den Schultern, um ihn aus- und abzuschütteln, und raisonnierte dabei in seiner drastischen und doch zugleich liebevoll besorgten Weise:
"Wat ist Sie denn einjefallen, da rinzuspringen? Dat hätte noch lange Zeit jehabt. Man muß nicht sogleich jede Jelegenheit sofort benützen! lk habe Ihnen doch zujerufen, nicht jeradeaus, sondern nach links zu jehen!"
"Aber der Indianer winkte mir doch!" entschuldigte sich der Paläontolog, indem er beide Arme und Hände mit den ausgespreizten zehn Fingern weit von sich streckte.
"Abjewinkt hat er, aber doch nicht zujewunken! Sie dachten mit den Pantomimen durch die janze Welt zu kommen, und wohin sind Sie jeraten? In den Milchreis, ja, aber in wat vor welchen! Nun kann ik Ihnen waschen und spülen und ausringen und an die Sonne hängen
|
|
|
| |
|